Reviewing-Kompetenz erfassen und fördern : Entwicklung und Evaluation eines Projektes zum wissenschaftlichen Schreiben im Physikpraktikum

Wolff, Ines; Heinke, Heidrun (Thesis advisor); Riese, Josef (Thesis advisor)

Aachen (2018)
Doktorarbeit

Dissertation, RWTH Aachen University, 2017

Kurzfassung

Wissenschaftliches Schreiben ist eine Schlüsselkompetenz für das spätere Berufsleben von Studierenden naturwissenschaftlicher Studiengänge. Ein Ziel der vorliegenden Arbeit war es, durch die Entwicklung eines in ein Physikpraktikum integrierten Schreibprojektes einen Beitrag zur systematischen Vermittlung dieser wichtigen Kompetenz zu leisten. Dazu wurde zunächst ein für den Regelbetrieb des Praktikums taugliches Schreibprojekt entwickelt und evaluiert. Im Fokus des entwickelten Schreibprojektes stehen selbstverfasste wissenschaftliche Texte der Studierenden sowie das Formulieren und Empfangen von Feedback zu diesen Texten. Um eine möglichst authentische Lernumgebung zu generieren, erhalten Studierende im Rahmen des Schreibprojektes die Gelegenheit kooperativ zu schreiben und sich im Rahmen von Peer-Feedback-Prozessen auszutauschen. In der vorliegenden Arbeit ist der Begriff Reviewing von besonderer Bedeutung, denn Reviewing ist ein wichtiger Teilprozess beim Verfassen eigener Texte und bildet auch die Basis für das Formulieren von konstruktivem Feedback zu Texten von anderen Personen. In dieser Arbeit wird daher von einem engen Zusammenhang zwischen der Fähigkeit eigene Texte zu verfassen und der Fähigkeit einen fremden Text kritisch zu lesen und Probleme zu diagnostizieren ausgegangen. Im Fokus steht dabei die Forschungsfrage: Fördert die Teilnahme an dem entwickelten Schreibprojekt die Kompetenz zum Reviewing fremder Texte? Um die Fähigkeit zum Reviewing bei fremden Texten vergleichend erfassen zu können, wurde ein dreiteiliges Testinstrument entwickelt. Der Kern dieses Testinstrumentes besteht aus zwei Versionen eines Test-Textes, die absichtlich eingebaute Fehler verschiedener Art beinhalten. Aufgabe der Studierenden ist es einen Test-Text zu lesen und zu kommentieren. Bei der Testauswertung wird analysiert, wie viele Fehler korrekt identifiziert und diagnostiziert wurden. Da der Test eine leseintensive Bearbeitung verlangt, wird er durch einen Leseverständnistest ergänzt. Die dritte Komponente des Testinstrumentes ist ein Fragebogen zum Selbstkonzept, welcher das studentische Selbstkonzept in fünf verschiedenen Bereichen erhebt. Die Ergebnisse der Hauptuntersuchung (N = 89) und der ein Jahr später durchgeführten Wiederholungs-studie (N=87) zeigen ein positives Bild im Hinblick auf die Entwicklung der Reviewing-Kompetenz der Studierenden. In beiden Studien war der Punktzuwachs im Test-Text bei den Teilnehmern des Schreibprojektes statistisch signifikant größer als der von den Kontrollgruppen erzielte Zuwachs. Dies belegt, dass die Teilnahme an der Intervention die Kompetenz zum Reviewing fremder Texte verbessert. Der festgestellte Lernerfolg scheint zunächst unabhängig davon zu sein, ob die Studierenden Feedback nur von ihren Betreuern erhalten oder ob das Feedback überwiegend durch die Peers formuliert wird. Die Ergebnisse eines Follow-Up-Tests und einzelner Fragebogen-Items deuten aber darauf hin, dass Peer-Feedback die nachhaltigere und lernwirksamere Feedbackform sein könnte. Hinsichtlich des Selbstkonzeptes der Studierenden kann in allen Kontroll- und Interventionsgruppen im Prä-Post-Vergleich eine statistisch signifikante, positive Entwicklung in den Bereichen Schreiben wissenschaftlicher Texte und Wissen über wissenschaftliche Texte festgestellt werden, was den Schluss nahelegt, dass die festgestellte Veränderung nicht durch die Intervention verursacht wurde. Ein Ziel der Arbeit war es, mit dem Schreibprojekt im Physikpraktikum eine möglichst authentische und motivierende Lernumgebung für die Studierenden zu schaffen. Die positiven Studierendenrückmeldungen zur Implementation des Schreibprojektes deuten darauf hin, dass dies gelungen ist. Dabei zeigte sich auch, dass die Implementierung des Schreibprojektes durch (schrift-)sprachliche Probleme der Studierenden, die insbesondere in Studiengängen mit vielen internationalen Studierenden auftreten, erschwert sein kann. Zusammenfassend kann die Integration von Schreibprojekten in einzelnen Lehrveranstaltungen einen wichtigen Beitrag bei der Vermittlung wissenschaftlicher Schreibkompetenz leisten. Sie kann aber nur ein Element einer systematischen Schreibausbildung sein, da sich wissenschaftliche Schreibkompetenz kaum in einer einzelnen Lehrveranstaltung erlernen lässt.

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